Henning Mankell: Die italienischen Schuhe

Frederik Welin hat sich in die Einsamkeit geflüchtet. Nach der “Katastrophe”, einem Kunstfehler, der dem Chirurgen unterlief, hat er sich auf eine abgelegene Schäreninsel zurückgezogen. Das ehemalige Haus der Großmutter ist zu seiner “Festung” geworden. Hier kann er, abgeschirmt von der Außenwelt, seine Rituale pflegen.

Im tiefsten Winter, bei schneidendem Wind, hackt er jeden Morgen ein Loch ins Eis und springt hinein. Für ihn ist dies die einzige Möglichkeit, sich selbst zu spüren, zu merken, dass er noch lebt.Es sind die vielen Begegnungen mit ungewöhnlichen, teils skurrilen Menschen, die etwas in Frederik auslösen. Es sind Individualisten, Traumatisierte, lebenskluge Stadtflüchtlinge wie der steinalte Italiener Giaconelli, der Schuhmacher, der nur zwei Paare im Jahr fertigt, oder Agnes, die sich um schwer erziehbare Mädchen kümmert.

Schritt für Schritt entdeckt Frederik die Schönheit und die Grausamkeit des Lebens wieder und spürt das Bedürfnis nach Nähe.

Mein erstes Buch von Henning Mankell – und ich muss ehrlich sagen, ich bin nicht so von den Socken, wie der Autor und seine Bücher angepriesen werden. Sein Schreibstil ist toll, aber auch sehr schwer und nicht fröhlich. Bei der Thematik dieses Buches ist das vielleicht nicht sehr verwunderlich, aber nur grau in grau gefällt mir dann doch nicht.

“Die italienischen Schuhe” machte auf mich den Eindruck ein sehr stiller, sehr tiefer Roman zu sein. Es geht um verpasste Gelegenheiten, Lebenslügen, um das Altwerden und um die Gnade einer zweiten Chance. Henning Mankell wiederum beherrscht diesen Stoff. Er erzählt klar und mit großer sprachlicher Könnerschaft eine Geschichte, die tiefe Einblicke in das Innenleben der Protagonisten zulässt.

Aber ich war ja schon gewarnt, also war ich demnach auch gar nicht so enttäuscht. Die Wortgewalt ist beeindruckend, die Geschichte um Harriet, Louise und Agnes fangen spannend an, werden dann aber oberflächlich und teilweise sehr abstrus.

Da trifft der zurückgezogene ehemalige Chirurg Frederik Welin nach vielen Jahren selbst gewählter Einsamkeit und Ruhe auf einen Haufen harter bzw. hartgewordener, abkanzelnder ja schroffer Frauen die ihn zwar aus seiner “Einsamkeit” herausholen, jedoch auf eine Art und Weise bei der ich manchmal Beklemmungen bekommen habe. Außerdem wollte ich zu diesem Zeitpunkt jetzt nicht unbedingt von langem Siechtum und Tod lesen – alles hat seine Zeit, aber diesmal war es die falsche.

Am Rande: Gefallen hat mir ebenfalls nicht, wie der (irreale, ich weiss ja) Protagonist mit seinen Tieren umgeht. Er tritt die Katze bei Seite, weil er sie gerade nicht ertragen kann. Der Hund wird ausgesperrt und muss draussen schlafen, weil er alt ist und nicht mehr die Treppen schnell genung steigt usw. usf.

Mag vielleicht nicht jeder so eng sehen, aber diese Szenen haben die Geschichte nicht bereichert, also hätte der Autor auf diese Grobheit auch verzichten können. Ein wenig Vorbildfunktion kann auch als Autor nicht schaden.

Fazit: Ein schönes Buch für Abende auf der Couch.

Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (18. Mai 2009)
ISBN-10: 3423211520
ISBN-13: 978-3423211529


5 Kommentare so far
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Ja, mich hat auch oft gewundert, wie sehr Mankell zeitweise gehypt wurde – ich finde, dass es von ihm sehr, sehr gute, aber auch mittelmäßige gibt.
Wenn du es trotzdem nochmal mit ihm versuchen willst: “Die fünfte Frau” und “Mittsommermord” aus der Kurt-Wallander-Reihe fand ich super.

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Vielleicht ist es auch einfach nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, bezüglich Henning Mankells Schreibstil.

Die Büchertipps, werde ich mir mal auf meine Wunschliste setzen (jeder Autor hat eine 2. oder 3. Chance verdient), lieben Dank :-) !

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[...] es nicht so hart mag wie bei Sjöwall/Wahlöö, und nicht ganz so bedrückt wie bei Henning Mankell, der kann hier durchaus auf seine Kosten [...]

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So,die italienischen Schuhe habe ich durch.Ich muss sagen,ein eher untypischer Mankell,denn ein typischer Mankell ist für mich einer mit Kurt Wallander.Und die Bücher fand ich alle klasse!
Trotzdem gefällt das Buch mir sehr,weil es irgendwie sehr lebennah ist,jeder hat seinen Sack auf dem Buckel und versucht mehr oder weniger damit klar zu kommen.
Es gibt leider nicht immer ein Happyend…

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auch mir gingen einiges krass macho-hafte gegen den Strich. Aber der Vater, der als Kellner nur tags im Restaurand arbeitet, damit er abends in der Familie sein kann und sofort kündigt, als man ihn (gegen die Vertrags-Vereinbarung) für abends einteilt, hat mich beeindruckt.
Mankell hat ja eine bizarre Kindheit gehabt.

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